„Die Jugend hat’s doch entspannt – wovon sollen die denn Stress haben?“ Wer diesen Satz kennt, sollte weiterlesen. Im Interview mit Psychologe Tobias Hoffmann von Kopfsachen wird schnell klar: Der Druck, unter dem junge Menschen in der Ausbildung stehen, ist real – und er sieht heute anders aus als noch vor 20 Jahren.
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Warum mentale Gesundheit in der Ausbildung gerade jetzt zum Thema wird
Kaum ein Gespräch mit Ausbildungsverantwortlichen kommt derzeit ohne dieses Thema aus. Tobias Hoffmann ist Psychologe und Projektleiter bei Kopfsachen, einer Organisation, die sich auf die mentale Gesundheit von Jugendlichen spezialisiert hat. Der Ansatz von Kopfsachen ist präventiv: Workshops an Schulen, Fortbildungen für Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter:innen – gefördert unter anderem durch die Deutsche Bahn Stiftung. Zunehmend rückt dabei eine Zielgruppe in den Fokus, die im schulischen Kontext oft übersehen wird: Auszubildende, besonders im Gesundheits- und Sozialbereich, wo die Belastung besonders hoch ist.
Unter welchem Druck stehen Azubis wirklich?
Wer glaubt, junge Menschen hätten es heute leichter, unterschätzt gleich mehrere Belastungsfaktoren, die es in dieser Form früher nicht gab:
Leistungsdruck und Prüfungsangst. Schon in der Schule, dann in der Ausbildung, wird ständig an der eigenen Leistung gemessen. Prüfungsangst zieht sich als Dauerthema durch fast jedes Gespräch.
Sozialer Vergleich – aber global. Sich mit anderen zu vergleichen und zu orientieren ist grundsätzlich normal und gesund. Neu ist die Dimension: Verglichen wird heute nicht mehr nur mit der eigenen Klasse, sondern gefühlt mit der ganzen Welt. Social-Media-Trends wie der „Clean Girl Look“ oder Manosphere-Ideale erzeugen ein Bild davon, wie man auszusehen und zu leben hat – mit spürbaren Folgen: Schönheitseingriffe verschieben sich immer weiter ins Jugendalter, ein Trend, der noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar war.
Zukunftsängste. Die Berufswahl fühlt sich für viele wie eine Entscheidung fürs ganze Leben an – befeuert durch Themen wie KI und Entlassungswellen, die über Social Media verstärkt wahrgenommen werden. Die Frage „Ist mein Job in fünf Jahren überhaupt noch da?“ erzeugt einen Druck, den ältere Generationen in dieser Form nicht kannten.
Mentale Gesundheit ist kein Schalter, sondern ein Kontinuum
Ein zentraler Perspektivwechsel aus dem Gespräch: Mentale Gesundheit ist nicht schwarz-weiß. Anders als oft angenommen, gibt es kein klares Entweder-Oder von „gesund“ oder „krank“. Kopfsachen orientiert sich an der Definition der WHO: Mental gesund ist, wer seine Fähigkeiten ausschöpfen, einen Beitrag zur Gesellschaft leisten, am sozialen Leben teilhaben und normale Alltagsbelastungen bewältigen kann.
Am anderen Ende des Kontinuums steht eine diagnostizierte psychische Erkrankung – und Diagnosen sind ausdrücklich Sache von Psychotherapeut*innen und Psychiater*innen, nicht von Ausbildungsbeauftragten, Ausbilder*innen oder Führungskräften. Was viele Diagnosen verbindet: ein hoher Leidensdruck und die Unfähigkeit, selbst einfache Alltagsaufgaben zu bewältigen – eine E-Mail schreiben, telefonieren, zur Arbeit gehen.
Das Fass-Modell: Wie sich Belastung aufbaut
Ein Bild, das Kopfsachen in Workshops nutzt, hilft beim Verständnis: die mentale Gesundheit als Fass. Stressoren und Belastungen fließen hinein – neue Ausbildung, Auszug von zu Hause, Prüfungsdruck, ungewohnte Arbeitszeiten. Irgendwann ist das Fass voll, und es braucht nur noch einen kleinen Auslöser – eine unangenehme E-Mail, ein beiläufiger Kommentar – damit es überläuft. Wichtig dabei: Ein volles Fass ist zunächst kein Drama. Mit ausreichend Erholung und Unterstützung lässt es sich wieder leeren, vergrößern oder mit einem „Ventil“ versehen, etwa durch Zeit mit Freunden oder Sport.
Gerade zu Beginn einer Ausbildung ist das Fass häufig schon gut gefüllt: erstmals acht Stunden am Stück arbeiten, neue Abläufe lernen, oft auch der erste eigene Haushalt – all das sind für junge Menschen echte „erste Male“, und erste Male sind erfahrungsgemäß stressiger als Routine.
Warnsignale erkennen, ohne zu diagnostizieren
Wie erkennt man als Ausbilder*in, dass jemand nicht nur kurzzeitig belastet, sondern das Fass dauerhaft übervoll ist? Der wichtigste Hinweis: Auffälligkeit im Vergleich zum bisherigen Verhalten der Person. Wenn jemand, der sonst pünktlich ist, plötzlich regelmäßig zu spät kommt, oder wenn Fehlzeiten häufiger werden, steckt in den meisten Fällen etwas dahinter – auch wenn die erste Vermutung oft in Richtung „keine Lust“ oder „faul“ geht.
Der Rat des Experten: nicht selbst diagnostizieren, sondern das Gespräch suchen. Bei volljährigen Auszubildenden gilt dabei natürlich: Niemand ist verpflichtet, etwas preiszugeben. Bei minderjährigen Azubis besteht zusätzlich die Möglichkeit, die Eltern einzubeziehen – immer mit dem Hinweis an die betroffene Person selbst.
Was Ausbildungsbetriebe konkret tun können
Aus dem Gespräch lassen sich mehrere Hebel ableiten, mit denen Betriebe präventiv aktiv werden können:
Psychologische Sicherheit schaffen. Eine Atmosphäre, in der Fehler nicht bestraft, sondern als Lernchance genutzt werden, und in der Meinungen offen geäußert werden dürfen, ist die Basis für alles Weitere.
Regelmäßige Check-ins statt reiner Beurteilungsgespräche. One-on-Ones, die nicht nur die Leistung, sondern auch das Befinden abfragen – „Wie geht’s dir hier eigentlich gerade?“ – bauen den Boden für schwierigere Gespräche. Gerade zu Beginn der Ausbildung lohnt sich eine höhere Frequenz.
Vorbild sein. Junge Menschen orientieren sich stark daran, wie sich andere im Betrieb verhalten. Wenn Ausbilder*innen offen über eigene Belastungen sprechen – ohne dabei Privates preiszugeben –, öffnet das Raum für alle anderen im Team.
In Kommunikation und psychologische Erste Hilfe investieren. Viele Ausbilder*innen sind fachlich exzellent ausgebildet, aber nie gezielt in Gesprächsführung geschult worden. Kurse zum „psychologischen Ersthelfer“ (MHFA) – vergleichbar mit dem klassischen Erste-Hilfe-Kurs, nur für psychische Themen – vermitteln, wie man auf Krisensituationen reagiert und Themen sensibel anspricht, ohne selbst zu therapieren.
Starke Beziehungen im Team fördern. Was auch im therapeutischen Kontext nachweislich am stärksten wirkt, ist die Beziehungsqualität – im Betrieb gilt das genauso. Starke Beziehungen im Team gelten als einer der wirksamsten Resilienzfaktoren überhaupt.
Anlaufstellen, wenn professionelle Hilfe gebraucht wird
Wichtig: Betriebe sollen nicht therapieren, sondern vermitteln. Als konkrete Anlaufstellen wurden im Gespräch genannt:
- Krisenchat – niedrigschwelliger Kontakt zu Fachkräften per Chat
- Nummer gegen Kummer – bundesweite Telefonberatung
- Schulsozialarbeit an der Berufsschule
- Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) / Betriebspsycholog*innen, sofern im Unternehmen vorhanden
- Lokale Angebote wie der Caritasverband vor Ort oder Between The Lines
Ein Praxistipp aus dem Gespräch: Hilfsangebote wirken glaubwürdiger, wenn sie mit einem konkreten Beispiel verknüpft werden – „Ich kenne jemanden, dem das wirklich geholfen hat“ – statt als anonymer Flyer-Hinweis. Das senkt die Hemmschwelle, gerade weil Scham und Selbststigmatisierung bei psychischen Themen noch immer eine große Rolle spielen.
Drei Tipps für den Einstieg
Für Betriebe, die noch am Anfang stehen, empfiehlt Tobias Hoffmann drei konkrete Schritte:
- Bei sich selbst anfangen. Sich als Ausbildungsverantwortliche*r fragen: Wie stehe ich selbst zu diesem Thema? Wie kann ich als Vorbild vorangehen?
- Ins Gespräch gehen. Regelmäßiger Austausch mit den Auszubildenden und im Team – nicht nur bei Problemen, sondern grundsätzlich.
- Sich qualifizieren. Kommunikations- und Coaching-Skills gezielt aufbauen, etwa durch eine Ausbildung zum psychologischen Ersthelfer – ohne dass dafür eine mehrjährige Coaching-Ausbildung nötig wäre.
Mentale Gesundheit bei Auszubildenden ist kein Nischenthema mehr, sondern eine zentrale Führungsaufgabe in der Ausbildung. Wer früh in Prävention, Beziehungsqualität und die eigene Gesprächskompetenz investiert, verhindert nicht nur Krisen – sondern schafft die Grundlage dafür, dass junge Menschen sich schon während der Ausbildung mit Themen auseinandersetzen können, statt sie bis zur eigenen Burnout-Phase Jahrzehnte später vor sich herzuschieben.
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Häufige Fragen (FAQ)
Was bedeutet mentale Gesundheit bei Auszubildenden konkret? Mentale Gesundheit wird als Kontinuum verstanden – zwischen den Polen „mental gesund“ und „mental erkrankt“. Nach WHO-Definition bedeutet mentale Gesundheit, die eigenen Fähigkeiten nutzen, am gesellschaftlichen Leben teilhaben und normale Alltagsbelastungen bewältigen zu können.
Woran erkennt man als Ausbilder*in psychische Belastung bei Azubis? Das wichtigste Signal ist Auffälligkeit im Vergleich zum bisherigen Verhalten der Person – etwa wenn eine sonst pünktliche Person plötzlich häufiger fehlt. Eine Diagnose sollte dabei ausschließlich Fachkräften wie Psycholog*innen oder Psychiater*innen überlassen werden.
Was können Ausbildungsbetriebe präventiv tun? Eine Kultur psychologischer Sicherheit schaffen, regelmäßige Check-ins statt reiner Beurteilungsgespräche führen, selbst als Vorbild agieren und Ausbilder*innen in Kommunikation und psychologischer Erster Hilfe weiterbilden.
Wohin können sich Auszubildende bei psychischen Krisen wenden? Neben dem Gespräch im Betrieb bieten Krisenchat, die Nummer gegen Kummer, Schulsozialarbeit an der Berufsschule sowie das betriebliche Gesundheitsmanagement oder lokale Beratungsstellen wie der Caritasverband Unterstützung.
Mehr zur Arbeit von Tobias Hoffmann und dem Team gibt es bei Kopfsachen.
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