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Ghosting in der Ausbildung: Was wirklich hilft

Ein 17-jähriger Azubi unterschreibt im Herbst seinen Ausbildungsvertrag – und taucht am 1. September einfach nicht auf. Kein Anruf, keine E-Mail, keine Erklärung. Was früher als Einzelfall galt, ist für viele Ausbildungsbetriebe längst Alltag geworden: Ghosting in der Ausbildung.

Im Gespräch mit Sabrina Heinze, die die berufliche Aus- und Weiterbildung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) leitet, wird deutlich: Ghosting ist kein neues Phänomen, aber es hat sich verändert – und Betriebe können aktiv gegensteuern.

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Was ist Ghosting in der Ausbildung eigentlich?

Der Begriff stammt ursprünglich aus dem Dating-Kontext, beschreibt in der Ausbildung aber das wortlose Fernbleiben neuer Auszubildender von ihrem Vertragsverhältnis. Entscheidend ist dabei ein oft übersehener Punkt: Ghosting beginnt nicht erst am ersten Ausbildungstag, sondern häufig schon Monate vorher.

Ausbildungsverträge werden in einigen Betrieben teilweise 14 Monate im Voraus unterschrieben. In dieser Zeit sind die künftigen Azubis oft noch minderjährig, mitten im Schulalltag und weiterhin auf dem Ausbildungsmarkt unterwegs. Bleibt in dieser Phase jeder Kontakt aus, ist das laut Heinze bereits der Beginn des Ghostings – auch wenn der eigentliche Vertragsbruch erst Monate später sichtbar wird.

Welche Risikofaktoren begünstigen Ausbildungsabbrüche und Ghosting?

Aus Praxis und Forschung lassen sich mehrere Muster erkennen:

Betriebsgröße: Kleinere Unternehmen mit geringerer Bekanntheit und niedrigerer Ausbildungsvergütung verlieren Azubis eher an größere, bekanntere Betriebe mit besserem Renommee.

Volljährigkeit: Bei volljährigen Bewerbenden entfällt die Möglichkeit, über die Eltern Kontakt aufzunehmen – ein zusätzliches Risiko für den Kontaktabbruch.

Sprache und Herkunft: Auch bei internationalen Bewerbenden können Sprachbarrieren die Kommunikation erschweren.

Schulbildung: Wer sich doch noch für einen weiterführenden Schulweg entscheidet, bricht die Ausbildung mitunter kurzfristig ab – aus Sicht der Betriebe ärgerlich, gesellschaftlich aber nachvollziehbar.

Branche: Laut Berufsbildungsbericht unterscheiden sich die Abbruchquoten je nach Branche deutlich. Im Handwerk sind Vertragslösungen häufiger als etwa im öffentlichen Dienst.

Gesellschaftlicher Wandel seit Corona: Klassische Bindungselemente wie enger Kontakt zu Kolleg*innen sind in vielen Bereichen schwächer geworden. Zu- und Absagen werden unverbindlicher gehandhabt – ein Effekt, der über alle Generationen hinweg zu beobachten ist, bei jungen Menschen aber besonders stark wirkt.

Preboarding: Bindung beginnt vor dem ersten Arbeitstag

Die zentrale Antwort des KIT auf Ghosting heißt Preboarding – und startet in dem Moment, in dem der erste unterschriebene Vertrag zurückkommt.

Kernelemente sind:

  • Eine digitale Preboarding-Plattform, über die künftige Azubis ihre Ansprechpartner*innen, ihr Institut und ihren Beruf kennenlernen, Daten wie T-Shirt-Größe angeben und automatisiert Glückwünsche zu Ostern, Weihnachten oder Geburtstag erhalten
  • Ein Kennenlerntag mit den Eltern, weil deren Einfluss auf die Entscheidung der Jugendlichen laut Heinze oft unterschätzt wird. Rund 150 Personen nahmen zuletzt am Kennenlerntag des KIT teil
  • Regelmäßige Content-Updates in der Plattform, etwa Einladungen zum Sommerfest oder Informationen zum Ausbildungsort

Onboarding: Von Azubis für Azubis

Am 1. September kommen beim KIT alle neuen Auszubildenden und Dualstudierenden gemeinsam an – je nach Jahrgang zwischen 60 und 100 Personen. Das mehrtägige Onboarding-Programm wird bewusst nicht vom Ausbildungsteam, sondern von den Azubis selbst geplant und durchgeführt, inklusive Social-Media-Formaten auf Instagram und TikTok.

Neben organisatorischen Themen wie Sicherheit oder Abfallwirtschaft – spielerisch vermittelt über Tools wie Kahoot oder Mentimeter – steht vor allem der Gemeinschaftsgedanke im Mittelpunkt: eine gemeinsame Teamaktivität, das Kennenlernen der Standorte und am Ende die Übergabe an die eigentlichen Ausbilder*innen im jeweiligen Institut, den sogenannten „Heimathafen“.

Langfristige Bindung nach dem Ausbildungsstart

Bindung endet für das KIT nicht mit dem Onboarding. Dazu gehören unter anderem:

  • Eine Learning Journey mit Inhalten zu Kommunikation, Konfliktmanagement und Präsentationstechnik
  • Die Möglichkeit, sich für institutsübergreifende Projekte zu bewerben
  • Das jährliche KIT Meetup, bei dem Azubis eigene Projekte vorstellen und sich branchenübergreifend vernetzen
  • Eine aktive Vernetzung der Ausbilder*innen untereinander, damit Auszubildende bei Bedarf auch außerhalb ihres eigenen Instituts Ansprechpartner*innen finden

3 Tipps gegen Ghosting in der Ausbildung

Für Betriebe, die das Thema strukturiert angehen wollen, empfiehlt Sabrina Heinze:

  1. Den Zeitpunkt des größten Verlusts identifizieren – entsteht der Abbruch beim Bewerbungsgespräch, bei der Vertragsrücklaufquote oder in der Probezeit? Erst mit dieser Kenntnis lassen sich gezielt Maßnahmen entwickeln.
  2. Einfach aktiv werden – nicht die perfekte Maßnahme ist entscheidend, sondern dass überhaupt etwas passiert. Stillstand ist der größte Fehler.
  3. Junge Menschen aktiv begleiten – durch persönlichen Kontakt, Einblicke in den echten Berufsalltag und die Bereitschaft, bei Zweifeln gemeinsam nach Lösungen zu suchen, etwa einem Berufswechsel innerhalb des Betriebs.

Ghosting in der Ausbildung lässt sich nicht vollständig verhindern – aber deutlich reduzieren. Entscheidend ist, Bindung nicht erst am ersten Arbeitstag zu beginnen, sondern von der Vertragsunterschrift an aktiv zu gestalten. Wer strukturiertes Preboarding, ein durchdachtes Onboarding und kontinuierliche Bindungsangebote kombiniert, schafft die Grundlage für weniger Vertragslösungen und zufriedenere Auszubildende.

Wer mehr über die konkrete Umsetzung erfahren möchte: Sabrina Heinze hält am 10.11. beim Deutschen Ausbildungsleitungskongress einen Impuls zum Thema „Binden bevor es losgeht“ und erarbeitet im Deep Dive mit den Teilnehmenden individuelle Lösungen.

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🎧 Mehr Hintergründe und Infos erhältst du in der aktuellen Episode des Podcasts „Ausbilder*in 4.0“ 🎧


Häufige Fragen (FAQ)

Was bedeutet Ghosting in der Ausbildung genau? Ghosting bezeichnet das wortlose Fernbleiben von Auszubildenden von ihrem Vertragsverhältnis – oft beginnend Monate vor dem eigentlichen Ausbildungsstart, wenn Kontaktversuche des Betriebs unbeantwortet bleiben.

Wann sollte Preboarding starten? Preboarding sollte unmittelbar nach Rücklauf des unterschriebenen Ausbildungsvertrags beginnen – teilweise also mehr als ein Jahr vor dem eigentlichen Ausbildungsstart.

Welche Rolle spielen Eltern beim Thema Ausbildungsabbruch? Eltern haben laut Erfahrungen des KIT einen deutlich größeren Einfluss auf die Entscheidung ihrer Kinder, als viele Betriebe annehmen. Persönlicher Kontakt zu den Eltern, etwa über einen Kennenlerntag, kann Vertragslösungen vorbeugen.

Was sind die größten Risikofaktoren für Ghosting? Zu den wichtigsten Faktoren zählen die Betriebsgröße, die Volljährigkeit der Bewerbenden, die Branche sowie ein allgemein unverbindlicherer Umgang mit Zu- und Absagen seit der Corona-Pandemie.


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