Rund 30 Prozent aller Ausbildungsverträge in Deutschland werden vorzeitig gelöst. Gleichzeitig bleiben etwa genauso viele Ausbildungsplätze unbesetzt. Und immer häufiger taucht dabei ein Begriff auf, der eigentlich aus dem Dating stammt: Ghosting. Ute Leber, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), ordnet in unserem Podcast ein, was hinter diesen Phänomenen wirklich steckt – und was Ausbildungsbetriebe konkret dagegen tun können.
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Ausbildungsabbruch, Vertragslösung, Ghosting: Was ist der Unterschied?
Die drei Begriffe werden im Alltag oft synonym verwendet, meinen aber unterschiedliche Dinge.
Eine Vertragslösung liegt vor, wenn ein Ausbildungsvertrag vor dem regulären Ende beendet wird – unabhängig davon, ob Betrieb oder Auszubildende*r die Initiative ergreifen. Diese Quote wird regelmäßig im Berufsbildungsbericht veröffentlicht und ist damit die am besten dokumentierte Kennzahl.
Von einem Ausbildungsabbruch spricht man dagegen nur, wenn Jugendliche das duale Ausbildungssystem komplett verlassen – also nicht in eine andere Ausbildung oder ein Studium wechseln. Das ist eine wichtige Unterscheidung: Nicht jede Vertragslösung ist ein echter Abbruch. Ein erheblicher Teil der Jugendlichen, die ihren Vertrag lösen, nimmt zeitnah eine andere Ausbildung oder ein Studium auf – für die spätere Arbeitsmarktkarriere hat das laut IAB in der Regel keine negativen Folgen.
Ghosting wiederum beschreibt ein spezifisches Phänomen: Ein Ausbildungsvertrag ist unterschrieben, doch am ersten Ausbildungstag erscheint die Person einfach nicht – ohne Absage, ohne Rückmeldung. Für Betriebe ist das besonders ärgerlich, weil kurzfristig kein Ersatz gefunden werden kann und der Ausbildungsplatz im schlimmsten Fall unbesetzt bleibt.
Was sagen die aktuellen Zahlen?
Die Datenlage unterscheidet sich deutlich je nach Kategorie:
- Vertragslösungen: rund 30 Prozent aller Ausbildungsverträge werden vorzeitig gelöst – ein Anstieg gegenüber dem früheren Niveau von rund 25 Prozent. Etwa ein Drittel davon erfolgt bereits in der Probezeit, ein weiteres Drittel im ersten Ausbildungsjahr.
- Ausbildungsabbrüche: Etwa die Hälfte aller Auszubildenden, die ihren Vertrag vorzeitig lösen, nimmt relativ zeitnah eine andere Ausbildung oder ein Studium auf. Es handelt sich also eher um Wechsler*innen als um echte Abbrecher*innen.
- Ghosting: Rund ein Viertel der Betriebe mit unbesetzten Ausbildungsplätzen gibt Bewerberabsprünge als einen Grund dafür an. Für jeden zehnten Betrieb ist Ghosting sogar der wichtigste Grund für eine unbesetzte Stelle.
Gleichzeitig zeigt das IAB: Die Übernahmechancen nach der Ausbildung sind aktuell so gut wie nie zuvor – ein Ergebnis des Fachkräftemangels, von dem sowohl kleine als auch große Betriebe profitieren.
Ursachen und Risikofaktoren für Ausbildungsabbrüche
Die Gründe für Vertragslösungen sind vielfältig. Häufig genannt werden:
- Fehlende oder unzureichende Berufsorientierung vor Ausbildungsbeginn
- Konflikte im Betrieb, Über- oder Unterforderung
- Enttäuschte Erwartungen an den Berufsalltag
- Persönliche Ursachen wie gesundheitliche oder familiäre Probleme
- Schulische Schwierigkeiten, insbesondere in der Berufsschule
Auch strukturelle Faktoren spielen eine Rolle: Kleinere Betriebe sind laut IAB tendenziell häufiger von Vertragslösungen betroffen als größere. Besonders hohe Lösungsquoten gibt es im Lebensmittelhandwerk und generell im Handwerk, besonders niedrige in der öffentlichen Verwaltung und in Medienberufen. Neben Arbeitszeiten und Vergütung sind vor allem „weiche“ Faktoren entscheidend: Betriebsklima, Führungsstil und die wahrgenommene Qualität der Ausbildung.
Interessant dabei: Auszubildende nennen in Befragungen seltener klassische Benefits wie Jobrad oder Fitnessstudio-Zuschuss als entscheidend. Wichtiger sind ihnen Übernahmeperspektive, Feedback und Wertschätzung.
Was können Betriebe konkret tun?
Auf Basis der Forschung lassen sich einige klare Handlungsempfehlungen ableiten:
- Praktika und direkten Kontakt ermöglichen. Je realistischer das Bild vom Berufsalltag vor Vertragsunterschrift ist, desto geringer das Abbruchrisiko. Das gilt besonders für Jugendliche mit schwächeren Schulabschlüssen, die über Praktika oft erst eine faire Chance bekommen.
- Kontakt zwischen Vertragsunterschrift und Ausbildungsbeginn halten. Da Ausbildungsverträge teils ein Jahr oder länger vor Beginn unterschrieben werden, sollten Betriebe diese Zeit aktiv überbrücken – etwa durch Einladungen zu Firmenfeiern oder Kennenlerntagen. Persönlicher Kontakt senkt nachweislich die Wahrscheinlichkeit für Absprünge.
- Offen kommunizieren, wenn es zu Problemen kommt. Statt beleidigt zu reagieren, empfiehlt sich der aktive, wertschätzende Kontakt: nach Gründen fragen, gemeinsam nach Lösungen suchen und bei Bedarf externe Unterstützungsangebote wie die Assistierte Ausbildung nutzen – gerade für kleinere Betriebe eine wichtige Ressource.
Wer mehr über die konkrete Umsetzung erfahren möchte: Ute Leber hält am 10.11. beim Deutschen Ausbildungsleitungskongress einen Impuls zum Thema „Abbruchprävention als System: Frühwarnsignale erkennen, richtig intervenieren, Azubis halten“ und erarbeitet mit den Teilnehmenden individuelle Lösungen.
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🎧 Mehr Hintergründe und Infos erhältst du in der aktuellen Episode des Podcasts „Ausbilder*in 4.0“ 🎧
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Ausbildungsabbruch und Vertragslösung? Eine Vertragslösung ist die Beendigung eines Ausbildungsvertrags vor dem regulären Ende. Ein Ausbildungsabbruch liegt nur vor, wenn die Person das duale Ausbildungssystem komplett verlässt, statt in eine andere Ausbildung oder ein Studium zu wechseln.
Was bedeutet Ghosting im Ausbildungskontext? Ghosting beschreibt, wenn Auszubildende einen unterschriebenen Ausbildungsvertrag haben, aber am ersten Ausbildungstag ohne Absage nicht erscheinen. Der Begriff stammt ursprünglich aus dem Dating-Kontext.
Wie hoch ist die Vertragslösungsquote in Deutschland aktuell? Aktuell liegt sie bei rund 30 Prozent aller Ausbildungsverträge, gegenüber rund 25 Prozent in früheren Jahren. Mehr dazu immer im aktuellen Berufsbildungsbericht des BIBB.
Wie können Betriebe Ausbildungsabbrüche vermeiden? Wirksam sind vor allem Praktika vor Vertragsabschluss, ein aktives Kontakthalten zwischen Vertragsunterschrift und Ausbildungsbeginn sowie offene Kommunikation bei aufkommenden Problemen.
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