Das Gespenst „Abbrecherquote bei Azubis“ – Aus Sicht der Azubis (Teil 2)

 Man spricht über sie, aber nicht mit ihnen.

Bei der Diskussion um die „Abbruchquote“ wird deutlich, es scheint wohl nicht den einen Grund für den beschriebenen „Abbruch“ der Ausbildung zu geben, sondern es gibt verschiedene Auslöser und die Frage, ist der Abbruch der Ausbildung wirklich so dramatisch?

Es wird viel über die Auszubildenden, aber wenig mit ihnen gesprochen.

Einzige Ausnahme in der Recherche bilden die drei ausgewählten Erfahrungsberichte der Süddeutschen Zeitung. (04.04.2018, http://www.sueddeutsche.de/karriere/berufsausbildung-man-wird-als-billige-ausbildungskraft-ganz-schoen-ausgenutzt-1.3931013)

In meiner täglichen Arbeit mit Ausbildenden seit 2010 mache ich die Erfahrung, dass Auszubildende sehr offen mit uns über ihre Ausbildung und ihre Unzufriedenheiten sprechen.

Aus Sicht eines Auszubildenden sollte deutlich werden, es geht bei einem Ausbildungsabbruch immer um Unzufriedenheit mit der Ausbildung und die Gründe dafür sind individuell und komplex.

Schauen wir uns die Gründe der Ausbildungs-Abbrecher genauer an:

–     Andere Vorstellung von den Tätigkeiten in der Ausbildung

Als junger Mensch informiert man sich über Berufe durch sein Umfeld, die Eltern, das BIZ und ggf. noch über verschiedene Medien.

Im besten Fall haben die Schüler vor ihrer Ausbildung ein Praktikum in ihrem Ausbildungsberuf absolviert und haben während dieser Zeit nicht nur das „Gelbe vom Ei“ präsentiert bekommen.

Die anfängliche Begeisterung lässt schnell nach, wenn man erst einmal nichts Neues mehr lernen kann und bspw. nicht nach ein paar Wochen elektrische Leitungen verlegen oder Kunden die Haare schneiden darf. Dass Zuschauen und unterstützende Tätigkeiten dann erst einmal den Arbeitsalltag prägen, ist nicht jedem bewusst. 

–      Andere Vorstellung von den Rahmenbedingungen in der Ausbildung

In einem Gespräch mit einem Azubi als Einzelhandelskaufmann in einem Discounter stellte sich heraus, dass er sich wenig mit den Arbeitszeiten z.B. bis 22 Uhr auseinandergesetzt hatte. Er stellte dann während der Ausbildung fest, dass er sich nicht mehr abends mit seinen Freunden treffen konnte. Da diese Arbeitszeit auf mittelfristige Sicht nicht geändert werden konnte, entschied er sich zum Abbruch.

Manchmal unterschätzen die Auszubildenden auch, dass z.B. der Betriebsbeginn um 6.30 Uhr dazu führt, dass der Arbeitsort nicht gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist und sie dafür zwei Stunden früher aufstehen müssen. 

–      Niveau der Ausbildung

Es zeigt sich, dass einige Ausbildungsberufe z.B. die des Elektrikers unterschätzt werden. Ein sehr gutes physikalisches Verständnis, ist meist Grundvoraussetzung für die Ausbildung und lässt den ein oder anderen in der Berufsschule scheitern. Induktion, Magnetismus und Spannung lassen sich nicht einfach nachvollziehen. 

Tätigkeiten können Spaß machen, aber wenn bereits zu Beginn klar wird, dass die Ausbildung nur mit großer Anstrengung oder gar nicht erfolgreich abgeschlossen werden kann, ist die Entscheidung eines Abbruchs bzw. ein Wechsel besser als nach der Ausbildung.

Andere Auszubildende fühlen sich in der Lehrwerkstatt und in der Ausbildung unterfordert und wechseln daher in einen anderen Betrieb, eine andere Ausbildung oder holen ihr Abitur nach, um zu studieren.

–      Sozialer Druck der peer-group

Was in der Diskussion vergessen wurde ist, dass das Umfeld (Familie, Freunde) nicht nur dazu beiträgt, welchen Beruf jemand ergreift, sondern es auch ein Grund dafür ist, ob die Ausbildung durchgezogen wird und Auszubildende bei ihrer Ausbildung bleiben.

Für jüngere Generationen ist es heute viel wichtiger, was ihre peer group (engstes Umfeld) von ihnen denkt und wie deren Haltung zum Thema Ausbildung ist.

Das bedeutet bspw., wenn sie in Gesprächen mit ihren Freunden herausfinden, dass diese besser bezahlt, coolere Chefs, bessere Arbeitszeiten oder sogar die vermeintlich interessanteren Aufgaben haben, dann wird schon einmal über einen Wechsel nachgedacht. 

–      Atmosphäre und Wohlfühlen

Früher sagte man „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“. Damit rechtfertigte man häufig, dass es einem nicht geschadet hatte, wenn man vom Chef angebrüllt wurde oder sogar mal eine „übergezogen“ bekommen hat. Dazu könnte ich viel sagen, belasse es aber dabei, dass es früher so war und es vielleicht auch seine Berechtigung gehabt hat, so etwas mit sich machen lassen zu haben. Der soziale, familiäre Druck sich an dieser Stelle zu wehren, war sehr groß.

Belassen wir es also dabei, dass die Zeiten heute – Gott sei dank – anders sind und ein wichtiger Faktor, besonders für Auszubildende, aber auch für alle anderen Mitarbeiter, ist, sich als Teil des Teams zu fühlen, fair behandelt zu werden und sich wohlzufühlen.

Azubis berichten mir häufig, dass sie sich in ihren kurzen Stationen in der Fachabteilung nicht aufgenommen fühlen und manche Kollegen sich sogar am Ende der 3 Monate immer noch nicht den Namen merken konnten.

Jeder von uns geht gerne zur Arbeit wegen der Menschen, mit denen er dort einen großen Teil seines Lebens verbringt.

–      Ein sicheres Netz

Besonders im Handwerk und technischen Ausbildungsberufen werden Auszubildende händeringend gesucht. Das bekommen Auszubildende spätestens dann mit, wenn sie nach der Ausbildung ältere Mitarbeiter ersetzen sollen, die in Rente gehen.

Einige Auszubildende werden durch „Kümmerer-Eltern“ (Helikopter- oder Curling-Eltern genannt) auch zu Hause ohne Ausbildung zunächst gut „versorgt“ und die Ermutigung, dass man sich entfalten kann und zur Not erst einmal ohne Ausbildung jobbt, bietet dem ein oder anderen eine gute Alternative.

Die Angst auf der Straße sitzen zu müssen, hat heute kaum jemand in der jungen Generation.

–      Mangelnde Berufsorientierung

Die Zahl der Ausbildungsberufe und was dahintersteckt kann nicht durch ein einwöchiges Praktikum in der Schule erkundet werden, zumal sich Berufe in Unternehmen unterschiedlich darstellen können. Schülern fehlt die Vorstellung wie man arbeitet und wie ihr Leben in drei Jahren aussieht. Diesen Beruf, wie die älteren Mitarbeiter, ein Leben lang zu machen, passt nicht immer in ihre Vorstellung.

Die Berufsfindung findet häufig noch auf den Ebenen statt: Welche Gelegenheit bietet sich mir auf einfachem Wege? Was ist von meinem Umfeld (Familie, Freunde) akzeptiert? Wo habe ich das geringste Risiko mir ein Bild vom Beruf zu machen?

Außerdem: Wussten Sie mit 17 Jahren was Sie aus dem Wirrwarr an Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten machen wollten?

–      Mangelnde Perspektive

Ein Grund, warum Auszubildende nach der Ausbildung nicht als Sachbearbeiter oder Facharbeiter im Unternehmen bleiben, ist der Mangel an Perspektiven. Das kann man auch auf den Beginn der Ausbildung übertragen. Häufig können sie sich nicht vorstellen, was für sie möglich ist und sehen vielleicht sogar den Meister, der 35 Jahre ist und auf dessen Position sie sich keine Hoffnungen machen müssen. 

Auch steht vielleicht nach ein paar Monaten in der Ausbildung fest, dass man trotz „guter Führung“ maximal 12 Monate übernommen wird und auch keine große Weiterentwicklung möglich ist. 

Hier spielt sicherlich auch rein, dass eine Tendenz zur Ungeduld bei der Ausbildungsgeneration zu entdecken ist.

–      Was ist schon dabei…

Ausbildungsabbruch klingt erst einmal hart. Aus der Perspektive einer Person, die ihre Ausbildung – mit anderen Voraussetzungen – absolviert hat, um vielleicht sogar in diesem Berufsfeld zu bleiben, ist es verständlicherweise unerklärlich den ersten Schritt des Berufsweges schon abzubrechen und/ oder zu wechseln. 

Gesellschaftlich gesehen ist es mittlerweile jedoch „normal“ und akzeptiert arbeitslos zu sein. Seine Ausbildung abzubrechen, wenn es nicht passt, fällt daher auch in diese Kategorie.

–      Gehalt

Gehalt kann eine Rolle spielen, wenn die jungen Auszubildenden sich nicht mit den Kosten des eigenen Lebens abseits des Elternhauses auseinandergesetzt haben. Das muss es aber nicht zwingend sein, denn die meisten (zumindest die Informierten) hätten sich einer anderen Ausbildung gewidmet.

Die jungen Menschen wollen, wie die meisten in diesem Alter, zunächst auf eigenen Beinen stehen und das ist in der Stadt manchmal weniger möglich als in ländlichen Regionen. Manche müssen in eine eigene Wohnung ziehen (alleinerziehendes Elternteil, Umzug zur Ausbildung). Da kann es je nach Ausbildungsentlohnung schwierig werden. Generell geht es nicht einfach um Geld verdienen, sondern eine faire Bezahlung, bei der sie sich nicht als günstige Arbeitskraft ausgenutzt fühlen.

Auch wenn im Berufsbildungsbericht 2018 – der noch nicht einmal erschienen ist – das Gehalt als einer der wichtigsten Gründe für den Abbruch beschrieben sei, stelle ich kurz in Frage, ob das nicht jeder ankreuzen würde. Das bedeutet aber nicht, dass dies der Grund mit dem höchsten Gewicht ist.

(04.04.2018, http://www.bento.de/future/ausbildung-in-deutschland-jeder-vierte-lehrling-bricht-ab-2242535/)

„Es wird kein Azubi wegen 100 Euro mehr Gehalt irgendwo kündigen, wenn er sich sonst pudelwohl fühlt.“

Es läuft häufig so: Ich komme nicht mit meinem Chef klar, ich lerne nichts mehr und/ oder ich habe mich bei meiner Berufswahl verschätzt und deswegen beschwere ich mich über das Gehalt. Andersherum: Das Gehalt ist mir zu niedrig und deswegen komme ich nicht mit meinem Chef klar, ist höchst unwahrscheinlich. Dies ist auch aus Gesprächen mit Azubis bestätigt.  

Eine Frage in der Diskussion ist: Ist die Empörung groß, weil die Zahlen vermeintlich belegen, dass Auszubildende heute „unwillig“ und „faul“ sind und bei der kleinsten Herausforderung aufgeben?

Mal ganz nebenbei sind laut Berufsbildungsbericht 2017 die Zahlen der Abbrecher seit 2009 von 22,1% auf 24,9% in 2015 gestiegen. Es gibt laut BIBB einen starken Zusammenhang zwischen Marktlage der Ausbildungsangebote und dem Entschluss den Ausbildungsvertrag zu lösen (Angebot-Nachfrage).

Laut Sell sind die Abbrecher nur Vertragslöser, die u.a. die Ausbildung wechseln, wovon dann nur 10 % wirklich ohne Perspektive abbrechen. Das bedeutet, die meisten finden eine gute Alternative, die wahrscheinlich für alle Beteiligten auf lange Sicht sinnvoller ist. (vgl. 05.04.2018, http://www.deutschlandfunk.de/experte-zu-azubi-statistik-viele-abbrecher-wechseln-in.1939.de.html?drn:news_id=868508)

Also kein Grund zum Aufschrei, sondern eher eine Aufforderung die verschiedenen Gründe anzugehen, nicht irgendetwas zu unterstellen und die Auszubildenden mit ins Boot zu nehmen.

Denn mal wieder: Man spricht über sie, aber nicht mit ihnen.

Wie wäre es, die Unsicherheiten ernst zu nehmen und die Auszubildenden bei der Diskussion mit einzubeziehen?